PZH
Produktionstechnisches Zentrum Hannover
Bis 150 Mädchen und junge Frauen so arrangiert waren, dass sie auf ein Foto passten, verging etwas Zeit. Aber einen solchen Moment muss man einfach im Bild festhalten: So viel Frauenpower im PZH gibt es schließlich nur einmal im Jahr, am 11. November zum MuT-Kongress. Ansonsten dominieren auch hier die Männer das Bild – wie fast überall in deutschen Technikwelten, egal ob in den Universitäten oder in der Industrie.
Anja Wienecke, Ingenieurin am Institut für Mikroproduktionstechnik am PZH, hat den MuT-Kongress zum dritten Mal organisiert. Sie will die jungen Frauen anstecken und sie für Technik gewinnen: „Wir müssen zeigen, wie viele verschiedene, tolle Möglichkeiten dahinterstecken, wir müssen die Frauen sichtbar machen, die in dieser Welt bereits zu Hause sind – und vor allem: Wir müssen die Mädchen selbst machen lassen.“
Selbst machen, Neues ausprobieren: Das konnten die jungen Frauen an diesem Tag ausgiebig. Sie gossen Aluminium, schweißten Niedersachsenrösser an Metallstäbe, arbeiteten im Reinraum mit kaum Sichtbarem oder untersuchten an echten Schweineherzen, an welcher Stelle die zuvor selbst gegossenen Silikonherzklappen platziert werden müssten. Insgesamt 16 Workshops standen zur Auswahl, für jeweils zwei davon hatte sich jede Besucherin des Kongresses schon mit der Anmeldung entschieden. „Erstaunlicherweise waren alle Workshops ähnlich nachgefragt“, sagt Wienecke, „die eher handfesten wie Schweißen und Gießen genauso wie die, die sich mit Computertechnologien oder Mathematik beschäftigten.“ Besonders stolz ist sie darauf, dass der Kongress auch nach dem Auslaufen der Bundesförderung dank der Unterstützung vieler regionaler Partner wie der Agentur für Arbeit und der Region Hannover weiterlaufen kann.
Umrahmt wurden die Workshops von einem bunten Programm: MINT-Frauen aus Forschung und Industrie ließen sich im Speed-Dating-Verfahren ausfragen, andere präsentierten ihren Werdegang im großen Hörsaal. Alternativ luden Wissenschaftler des Sonderforschungsbereichs zum Technikwettbewerb: Mit viel Spaß und Kreativität bauten die jungen Teams möglichst stabile, hohe Türme aus Papier, Strohhalmen, Gummibändern und Klebeband. Die Wissenschaftsentertainer von artewis zeigten unter dem Motto „Blitze, Menschen, Sensationen“ Skurriles, Physikalisches und Nützliches.
Das Ziel der Veranstaltung? Professor Lutz Rissing, Leiter des Instituts für Mikroproduktionstechnik, formulierte es in seiner kurzen Ansprache zur Begrüßung positiv: „Die Welt ändert sich – ein Beispiel dafür ist die Mobilität. Frauen haben schon jetzt großen Anteil daran, und Sie können den Umbruch in Zukunft vorantreiben.“ Thomas Graf, der am Gießerei-Projekt „Metallguss in der Schule“ beteiligt war, sieht die Situation aus einer anderen Perspektive: Er engagiert sich für den – fehlenden – Gießerei-Nachwuchs, weil es ohne Gießer keine Gießerei-Industrie in Deutschland mehr geben wird und damit schließlich auch keine Abnehmer für die Gießereichemie-Produkte seines Unternehmens Hüttenes-Albertus.
Das ist nur eine der vielen Geschichten, die sich hinter den nackten VDI-Zahlen verbirgt: 99.000 Ingenieurstellen sind in Deutschland zurzeit nicht besetzt. Und da der Anteil der weiblichen Ingenieurstudenten noch immer so niedrig ist – an der Leibniz Universität Hannover liegt der Frauenanteil bei den ingenieurwissenschaftlichen Studienanfängern im Wintersemester 2011/12 bei den Elektrotechnikern, Informatikern und Maschinenbauern weit abgeschlagen hinter allen anderen Fächern bei 10 bis 12 Prozent – findet man hier das sicher größte Potenzial, den Bedarf künftig zu decken.
Wenn man die Begeisterung der jungen MuT-Besucherinnen als Messlatte nimmt, stehen die Chancen nicht schlecht, dass die Quote in den nächsten Jahren etwas steigen wird.
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Julia Förster, Letzte Änderung: 19.06.2012
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